{"id":366,"date":"2023-01-16T09:53:51","date_gmt":"2023-01-16T09:53:51","guid":{"rendered":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/?p=366"},"modified":"2023-01-17T12:01:37","modified_gmt":"2023-01-17T12:01:37","slug":"nichts-anderes-als-burokratische-xenophobie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/2023\/01\/16\/nichts-anderes-als-burokratische-xenophobie\/","title":{"rendered":"Nichts anderes als b\u00fcrokratische Xenophobie"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Januar 2023: Der deutsche Politiker und CDU-Generalsekret\u00e4r Mario Czaja hat sich in der Debatte um die Silvester-Krawalle f\u00fcr eine Deutsch-Pflicht auf deutschen Schulh\u00f6fen ausgesprochen. \u201eEs geht nicht, dass auf den Schulh\u00f6fen andere Sprachen als Deutsch gesprochen werden\u201c, sagte Czaja. \u201eAnsonsten entstehen schon in den Schulen Parallelgesellschaften.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nils Minkmar kommentierte diesen Vorschlag in seinem <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nminkmar\/about\">Newsletter: Der siebste Tag<\/a>: &#8220;In unserer Familie wurde schon immer \u00fcber Politik gesprochen. Morgens wurde ich von lauten Stimmen geweckt, die die Zukunft des Sozialismus, die Dekolonisierung oder neueste politische Skandale debattierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun \u00fcberlege ich seit einigen Tagen, was mir so an besonderen Tiefpunkten in Erinnerung geblieben ist, denn ein Vorschlag des CDU-Generalsekret\u00e4rs geht mir nicht mehr aus dem Sinn: die Deutschpflicht auf Schulh\u00f6fen. Kinder, die in der Pause kein Deutsch sprechen, sollen ermahnt und bestraft werden, so m\u00f6chte der Mann die Silvestergewalt in Neuk\u00f6lln bek\u00e4mpfen. Je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdenke, desto bewundernswerter ist dieses Juwel von einem Januarvorschlag: von allen Seiten falsch. Ich vermute, es ist der schlechteste politische Vorschlag meines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein gro\u00dfer Vorteil, wenn Kinder mehrere Sprachen sprechen k\u00f6nnen und man soll sie bei jeder Gelegenheit daf\u00fcr loben. Dabei eine Wertung vorzunehmen &#8211; europ\u00e4ische Sprachen top, alle anderen Flop &#8211; ist diskriminierend und unsinnig. Wer &#8211; wie es in einer Stuttgarter Grundschule geschehen ist, eine Sch\u00fclerin bestraft, weil sie in der Pause t\u00fcrkisch spricht, hat im Schuldienst nichts verloren. Es ist nichts anderes als b\u00fcrokratische Xenophobie.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Nils Minkmar in seinem <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nminkmar\/about\">Newsletter: Der siebste Tag<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hierzu auch eine Passage aus Olga Grjasnowas Essay &#8220;Die Macht der Mehrsprachigkeit&#8221;. Ausgehend von einem Artikel aus der Frankfurter Sonntagszeitung vom 26. Juli 2020, von R\u00fcdiger Soldt mit dem Titel &#8220;Deutschpflicht&#8221;, \u00fcber eine Sch\u00fclerin, die gegen die Auflage ihrer Schule, auf dem Schulhof Deutsch zu sprechen, versto\u00dfen hat und daraufhin eine Strafarbeit bekam, zieht Olga Grjasnowa weitere Schlussfolgerungen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ich lehne mich so weit aus dem Fenster zu behaupten, dass der Artikel nicht geschrieben worden w\u00e4re, h\u00e4tte die Sch\u00fclerin Franz\u00f6sisch gesprochen. T\u00fcrkisch dagegen wird diskreditiert, wenn auch vielleicht nicht bewusst. Dennoch findet hier eine Abwertung der Herkunftssprache statt &#8211; und das auch noch in einem privaten Moment, n\u00e4mlich beim Spielen und Sprachen w\u00e4hrend einer Unterrichtspause. <\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte in diesem Zusammenhang auch vom &#8216;Linguizismus&#8217; sprechen &#8211; einer spezifischen Form des Rassismus, bei der Menschen, die eine bestimmte Sprache oder einen bestimmten Dialekt sprechen, diskriminiert werden, wie etwa Kurd&#8217;innen in der T\u00fcrkei. Schon w\u00e4hrend der Kolonialzeit wurden Sprachen herangezogen, um die Unterlegenheit der Einheimischen zu begr\u00fcnden. Ihre Sprachen wurden als &#8216;primitiv&#8217; abgewertet, im Gegensatz zu den &#8216;komplexeren&#8217; westlichen Sprachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es gen\u00fcgend historische Beispiele, die zeigen, dass es keine gute Idee ist, Kindern eine bestimmte Sprache an den Schulen zu verbieten. (&#8230;) Was all die genannten Beispeile [betreffend das Walisische im 19. Jahrhundert sowie die Bevorzugung des Englischen in den Britischen Kolonien und der Rotterdam-Code von 2006] gemeinsam haben, ist die Kr\u00e4nkung und Herabw\u00fcrdigung ganzer Gruppen. Es ist eine Kr\u00e4nkung, die sich nicht so leicht vergessen l\u00e4sst. Judith Butler, Philosophin und Begr\u00fcnderin der Gender Studies, stellt zudem fest: &#8216;Wenn die spezifische Kr\u00e4nkung, die jede_r von uns erlitten hat, sich als Teil eines Musters von Herabw\u00fcrdigungen entpuppt, das im \u00f6ffentlichen Diskurs reproduziert wird, und wenn sich dieses Muster zus\u00e4tzlich als eines herausstellt, das eine vorherrschende Logik in Institutionen, einschlie\u00dflich p\u00e4dagogischer Institutionen, artikuliert, dann scheint es so zu sein, dass die Herabw\u00fcrdigung nicht nur in meinem eigenen Leben Nachhall hat, sondern die soziale und politische Lebenswelt und ihrer Institutionen durchzieht.'&#8221; Soweit: Olga Grjasnowa: Lob der Mehrsprachigkeit. \u00dcber Herkunft und Vielfalt. Berlin 2021. Seite 69ff. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Januar 2023: Der deutsche Politiker und CDU-Generalsekret\u00e4r Mario Czaja hat sich in der Debatte um die Silvester-Krawalle f\u00fcr eine Deutsch-Pflicht auf deutschen Schulh\u00f6fen ausgesprochen. \u201eEs geht nicht, dass auf den Schulh\u00f6fen andere Sprachen als Deutsch gesprochen werden\u201c, sagte Czaja. \u201eAnsonsten entstehen schon in den Schulen Parallelgesellschaften.\u201c Nils Minkmar kommentierte diesen Vorschlag in seinem Newsletter: Der&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/2023\/01\/16\/nichts-anderes-als-burokratische-xenophobie\/\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Nichts anderes als b\u00fcrokratische Xenophobie<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-366","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=366"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":375,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366\/revisions\/375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/roughtranslation.uni-ak.ac.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}